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2008-04-11

Geldautomaten-Sicherheit in Großbritannien: GAA im Handel besonders gefährdet


[English version available]

Auch in Großbritannien sind Geldautomaten inzwischen unverzichtbar.Anders als in Deutschland ist das Aufstellen von Geldautomaten nicht nur Banken vorbehalten. Und das hatte negative Folgen für die Sicherheit. Ein Blick auf die Sicherheits-Strategie im Vereinigten Königreich.

Von Alan Townsend, London


80% aller Barabhebungen laufen über mehrere zehntausend GAAs im gesamten Königreich - und wie in vielen anderen Ländern hat dort die Zahl der Geldautomaten signifikant zugenommen. Waren es 36.750 im Jahr 2001, wurden 2007 schon 63.900 Automaten gezählt - ein Zuwachs um 42%. Bemerkenswerterweise hat sich die Zahl der GAA innerhalb von Bankniederlassungen kaum geändert. Hier war lediglich ein Minimalzuwachs von 19.067 Automaten im Jahr 2001 auf 19.076 Installationen in 2007 zu verzeichnen. Dagegen hat sich die Zahl der GAA im Straßenbild deutlich erhöht: Waren es 2001 noch 11.800 GAA, stehen hier derzeit rund 16.000 zur Verfügung. Die großen Gewinner sind die "Independent ATM Deployers" (IADs) - also (bank-)unabhängige Automaten-Aufsteller* - die sich ihre Dienstleistung von Banken mit unterschiedlichen Gebührenmodellen entlohnen lassen. Von 2001 bis 2007 konnten sie ihren Marktanteil nahezu verfünffachen - aus ehemals 5.900 Geldautomaten wurden so insgesamt 29.300. Neben den IADs profitieren davon sowohl die Banken aber auch die Händler in der unmittelbaren Umgebung der Geldautomaten und die Hersteller der entsprechenden Technik. Zudem wurden zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen.
Überraschenderweise gab es trotz dieses Booms noch vor wenigen Jahren kaum Sicherheitskonzepte von Seiten der IADs. Meist wurden die stand-alone-GAA installiert, ohne dass sich die Aufsteller Gedanken über die Sicherheit der Automaten selbst zu machen. Gleiches galt auch für die Standortwahl und der sich daraus ergebenden Gefahren für das Service-Personal. Außerdem benutzten einige IAD-Unternehmen GAA mit eingebauten Tages-Tresoren auch als Nacht-Tresor - mit dem vorhersehbaren Ergebnis, dass Täter schnell lernten, welche dieser Modelle, im Gegensatz zu jenen mit speziellen Nacht-Tresoren, schnell zu "knacken" waren. Zusätzlich zeigten sich die IADs meist als Einzelkämpfer, die vor allem auf den Schutz ihrer Marktanteile Wert legten. Dabei vergaßen sie, dass der Austausch von Erfahrungswerten und möglichen Schutzmaßnahmen untereinander große Vorteile bietet, um etwa Personal und Anlagen zu schützen.

Anstieg der Angriffe

So war es kein Wunder, dass parallel zur Marktentwicklung ein Anstieg der Geldautomaten-Kriminalität zu verzeichnen war. Gab es 2002 "nur" 213 Attacken, wurden 2005 schon 773 Angriffe gezählt. Finanzielle Schäden entstanden dabei vor allem durch den Verlust von Bargeld aber auch durch die Beschädigung der Geräte und der Gebäude am Aufstellort. Auch vermehrte Angriffe auf das Service-Personal waren zu verzeichnen.
Typischerweise sind Geldautomaten im Bereich der Nachbarschaftsläden Hauptziel der Angriffe (2007: 26,7%). Danach folgen Freizeit-Einrichtungen (16,5%) und "social locations", wie etwa Clubs oder Pubs (11,8%). Dies sind Plätze, an denen in erster Linie IADs ihre Automaten aufgestellt haben und deren Sicherheitsstandard im Vergleich zu einer Bank-Installation meist geringer ausfällt. Dies zeigen auch die folgenden Zahlen: Auf die Filialen der Banken entfielen 2007 rund 9% der Angriffe, in Supermärkten und Tankstellen, wo ebenfalls vor allem Bank-Installationen vorzufinden sind, betrug die Quote 7,3% beziehungsweise 6,8%.

Zusammenarbeit

Um diese Situation in den Griff zu bekommen, entschlossen sich die Betroffenen in den letzten Jahren enger zusammen zu arbeiten. So werden nun etwa Statistiken und mögliche Sicherheitsmaßnahmen gemeinsam erörtert, um einen weiteren Anstieg der Übergriffe zu verhindern. An vorderster Front waren hier die ATM Security Working Group, die British Bankers' Association, die Building Societies Association, die Association for Payment Clearing Services, die British Security Industry Association, LiNK Interchange und auch die ATM Industry Association. Eine der ersten Aufgabe war es, eine gemeinsame Datenbank aufzubauen, um beispielsweise das Ausmaß und die geographische Verteilung der Überfälle genauer zu analysieren. Dies war zwar technisch kein Problem - die Herausforderung bestand vielmehr darin, die einzelnen Unternehmen zur Offenlegung der hierzu benötigten, sensiblen Daten zu bewegen. Inzwischen gibt es diese Datenbank, die auch von der Polizei bei der Aufklärung dieser Straftaten genutzt wird.
Im nächsten Schritt wurden gemeinsame Richtlinien entwickelt, die heute als Referenz für die Problem-Kategorien Aufstellung, Befüllung und Service gelten. Zwar gab es solche Richtlinien schon für fest verbaute GAA - doch für die frei stehenden Automaten gab es keine vergleichbare Methodik.
Ein weiterer wichtiger Schritt war die gezielte Zusammenarbeit mit den Polizeien - besonders in den am meisten gefährdeten Gebieten. Wichtig zu wissen: Innerhalb Großbritanniens gibt es 52 unterschiedliche Polizei-Einsatztruppen und zusätzlich weitere Spezialeinheiten, etwa in den Bereichen Sicherung von Gleisanlagen oder auch Militär-Einrichtungen. Jede dieser Einheiten wurde angeschrieben - mit dem Hintergrund deren Aktivitäten zu unterstützen. Diesen wird nun der Zugang zu der erstellten Datenbank gewährt, gleichzeitig wird aber auch - und dies stellte sich als ein entscheidender Punkt heraus - finanzielle Unterstützung, etwa bei der Auslobung von Belohnungen oder auch für die Anschaffung spezieller Ausrüstung, angeboten. Diese "Annäherung" zeigt nun erste erste Ergebnisse: Mehrere Polizei-Operationen gegen organisierte Banden wurden durchgeführt - mit der entsprechenden Anzahl von Verhaftungen und Verurteilungen.

Prävention

Um GAA-spezifische Attacken zu vermeiden, greifen nun auch immer mehr die privaten Aufsteller auf die erarbeiteten Präventiv-Maßnahmen zurück, um potentielle Täter abzuschrecken. Zur Zeit lassen sich in Großbritannien drei Haupt-Angriffsszenarien beobachten: Die Mitnahme des kompletten Automaten, der Gewaltaufbruch vor Ort und die professionelle Öffnung vor Ort.
Für das erste Szenario
Keine Auswirkung der Übertretung des Ballspiel-Verbots, das auf dem Mauerrest über der Einbruchstelle noch zu lesen ist, sondern Kollateral-Schaden einer Ramm-Attacke mit Ziel Geldausgabeautomat. Bild: Townsend
wird meist vorab ein entsprechender LKW gestohlen, mit dem dann alle physikalischen Hindernisse einfach durchbrochen werden und der gleichzeitig zum Abtransport des Automaten dient, der dann später an einer passenden Stelle geöffnet wird. Diese Attacken sind auch für die Versicherungs- unternehmen und die Kommunen besonders besorgniserregend, da hier meist hohe Sachwerte zerstört werden, die betroffenen Geschäfte oft für Wochen geschlossen werden müssen und damit in abgelegenen Gemeinden die Versorgung nur unzureichend gesichert ist.
Auch die gewaltsame Öffnung zieht meist hohe Folgeschäden nach sich - wenn auch vor allem am Automaten. Die erforderlichen "Werkzeuge" können heute in jedem Bau-Supermarkt gekauft werden. Ziel dieser Art von Attacken sind meist kleinere und weniger sichere GAA, etwa in Lebensmittel-Geschäften. Die professionelle Öffnung dauert meist weniger als drei Minuten - setzt aber Kenntnisse etwa der Schließtechnik voraus.
Um all diese Angriffe zu reduzieren, werden heute verschiedene Techniken eingesetzt, darunter der Einsatz spezieller Fundamente, keramische Materialien oder schweiß-resistente Baustoffe.
Hat es sich ausgezahlt? Diese Frage lässt sich eindeutig mit "Ja" beantworten. Die GAA-Anbieter sehen einen messbaren Rückgang der Straftaten. So sank die Quote im Jahr 2006 gegenüber dem Jahr 2005 um mehr als 11%. Gleichzeitig reduzierte sich der Schaden um 13,4%. Auch 2007 konnte die Zahl der Überfälle nochmals um 16% reduziert werden - mit einer Reduzierung der Schadenssumme um 17%. Angestrebt ist es, wieder das Niveau des Jahres 2002 zu erreichen. Dazu werden weitere, jüngst beschlossene Entwicklungen beitragen: Im Dezember letzten Jahres reorganisierte sich die britische Geldautomaten-Branche, um die beiden Hauptbedrohungen - GAA-Betrug und physische Angriffe - wirksamer zu bekämpfen. So wird sich die ATM Crime Group nun allein um das Gebiet "Betrug" kümmern, dagegen wird sich die ATM Security Working Group, die von der ATM Industry Association unterstützt wird und vor allem Mitglieder aus dem privaten Aufsteller-Bereich hat, nur noch um die physischen Attacken kümmern. Diese Neuausrichtung wird dazu führen, dass alle Beteiligten schnell und direkt mit den jeweils neuesten Statistiken und Präventions-Strategien versorgt werden.



Über unseren Autor:
Alan Townsend ist Mitgründer der ATM Security Working Group (ATMSWG), die sich in Großbritannien mit Sicherheitsaspekten rund um stand-alone Geldautomaten beschäftigt. Seit 2006 arbeitet Alan Townsend als ATMIA Europe Security Advisor. Er hat eine Reihe von Sicherheits-Leitfäden veröffentlicht und steht für Mitglieder der ATM Industry Association (ATMIA), einer weltweit tätigen Industrievereinigung von Geldautomatenherstellern, als Sicherheitsberater zur Verfügung. Kontakt: alan@atmia.com
Übersetzung: Claus Schaffner



* Laut Aussage der Deutschen Bundesbank ist in Deutschland das Aufstellen von GAA nur mit der so genannten "Bank-Lizenz" möglich. Somit werden GAA hierzulande nur von Banken betrieben - eine Diskussion, ob andere Anbieter, zum Beispiel Geld- und Werttransporteure über ihren bisherigen Befüllungs-Service hinaus oder Handelsketten, Aufsteller oder Betreiber des Bargeld-Services werden könnten, gebe es nach Kenntnis der Bundesbank zur Zeit nicht.
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