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2009-10-02

DAK-Studie: 1 Million Beschäftigte dopen

Aktuellen Medienberichten zufolge gehören Psychopharmaka und Alkohol in den Top-Etagen zum Alltag. Als Auslösefaktoren für den Konsum gelten etwa Verantwortungsdruck und der Dauer-Stress. »Nicht bewiesen«, meint dagegen der Suchexperte Karsten Strauss und stützt sich auf eigene Erfahrungen und Studien, die gerade Managern eine hohe Arbeitszufriedenheit attestieren - ohne allerdings Manager insgesamt zu »Saubermännern« zu erklären. Strauss (s. Interview unten) selbst hat an der jüngsten Studie der DAK mitgearbeitet, die zumindest erste Anhaltspunkte zum Drogenkonsum am Arbeitsplatz allgemein liefert - die prinzipiellen Aussagen zum »Warum« würden dabei auch für Manager gelten.

Um das Phänomen »Sucht«

Psychotrope Substanzen

Das Gefahrenpotenzial des Konsums psychotroper Substanzen am Arbeitsplatz hängt von einer Reihe von Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem die Art des Arbeitsplatzes, der Tätigkeiten und der Verantwortungsbereich sowie die Art der konsumierten Substanzen und die Art des Konsums. Grundsätzlich lassen sich die heute konsumierten Substanzen in drei Kategorien einteilen, die untereinander Überschneidungen kennen:
  • Substanzen, die »Gas geben« und den Körper in eine Art Alarmzustand mit unter anderem erhöhter Wachheit, Aufmerksamkeit, Risikobereitschaft versetzen. Dazu gehören etwa Ritalin, Vigil, Amphetamine, Kokain und Ecstasy.
  • Substanzen, die »bremsen« und den Körper »runterfahren« und gegen negative äußere Einflüsse abschotten. Dazu gehören etwa Valium, Beta-Blocker, manche Antidepressiva, Cannabis sowie Heroin und auch Codein.
  • Substanzen, die »ambivalent« wirken. ?Dazu gehört Alkohol, der bei niedriger Dosierung anregend, kommunikationsfördernd und entspannend wirkt, bei höherer aber hemmend, abschottend, teils mit erhöhter Aggressions- und Gewaltbereitschaft kombiniert. Aber auch Nikotin, das beruhigend und entspannend bei Nervosität, anregend bei Müdigkeit erlebt wird.
Grundsätzliche Schadenspotenziale erwachsen aus schädlichen Wirkungen auf Organe und Organsysteme, für den Arbeitsplatz wichtiger ist aber die chemische Korsettierung von Sichtweisen, Informationsverarbeitung, Kommunikationsstruktur, Art der Kommunikation, Reizverarbeitung und letztlich Beurteilungsfähigkeit und Entscheidungsfindung.
Quelle: Karsten Strauss
näher zu untersuchen, führte die DAK eine repräsentative Befragung bei rund 3.000 Arbeitnehmern im Alter von 20 bis 50 Jahren durch. Im Mittelpunkt stand dabei nicht der Alkoholkonsum, sondern die Einnahme von Psychopharmaka - die DAK prägt hier den Begriff des »Dopings am Arbeitsplatz«. Ergebnis: Vier von 10 Beschäftigten wissen, dass Medikamente gegen alters- und krankheitsbedingte Gedächtnisstörungen oder Depressionen auch bei Gesunden wirken können. Bedenklich laut DAK: Zwei von zehn Befragten meinen, dass die Risiken dieser Arzneimittel im Vergleich zum Nutzen vertretbar sind. Nahezu genau so viele (18,5%) kennen mindestens eine Person, die leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente ohne medizinische Erfordernis eingenommen hat. Deutlich weniger (5%) bekennen, als Gesunder selbst schon einmal mit derartigen Medikamenten »nachgeholfen« zu haben. Dies sind hochgerechnet immerhin gut zwei Millionen Beschäftigte in Deutschland. Die weitere Analyse ergab, dass rund 1 Million Beschäftigte regelmäßig und sehr gezielt diese Medikamente als Doping nehmen und sie außerhalb der Apotheke beziehen. So nehmen vier von zehn »Dopern« die Medikamente täglich bis mehrmals wöchentlich ein. Etwa jeder Fünfte nennt als Bezugsquelle Kollegen, Freunde und die Familie und mehr als jeder Zehnte den Versandhandel.
Die Studie ergab, dass jeder fünfte Arbeitnehmer die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Erfordernis für vertretbar hält, um die Leistung im Job zu steigern. Knapp 20% der Befragten akzeptieren Stimmungsaufheller, um beruflichen Stress und Konflikte am Arbeitsplatz besser auszuhalten. Auffällig sei, dass Beschäftigte mit hohem Stresspotenzial, einem unsicheren Arbeitsplatz oder starker Konkurrenz Doping am Arbeitsplatz für vertretbarer halten als Beschäftigte, die weniger unter Leistungsdruck stehen. Auch aus Sicht der Experten begünstigen Faktoren in der heutigen Arbeitswelt das Doping. Gesellschaftlich wird es laut DAK zunehmend akzeptiert, Medikamente einzunehmen, um Stress, Leistungsdruck und schlechte Stimmungen im Alltag besser zu bewältigen. Der Umgang mit Lifestyle-Medikamenten für Haarwuchs, Potenz, Faltenreduktion oder Gewichtsregulierung habe diese Entwicklung eingeleitet. Die Einflussmöglichkeiten von Medikamenten mit Doping-Potenzial auf Leistung und Stimmung würden jedoch überschätzt.


Nachgefragt beim Suchtmediziner:

Klientel der DAK sind nun nicht gut verdienende Manager. Inwieweit lassen sich die Ergebnisse in die Management-Etage transportieren?
Karsten Strauss: So banal es klingt: Manager sind auch nur Menschen. Damit treffen vielleicht die Zahlen der DAK-Studie nicht auf das Management zu, aber die Wege, über die Drogen bezogen werden und die Gründe, warum sie genommen werden, bleiben die gleichen.

Zum Vertragsabschluss ein oder zwei Gläser Sekt, ein paar Bier in der Hotelbar zur Entspannung nach der Messe, morgens eine Valium - wann muss sich ein Manager Gedanken machen?
Karsten Strauss: Ein Manager sollte sich tatsächlich dann Gedanken machen, wenn eine Mischung aus Kopf und Bauch sagt, »wenn das so weiter geht, dann geht das nicht gut«.
Beim Alkoholkonsum ist die Grenze zur Abhängigkeitserkrankung regelmäßig ein schleichender langfristiger Prozess. Alkoholkonsum hat zwar ein vergleichsweise hohes Auffälligkeitspotenzial, wie eine »Fahne« oder Sprechunsicherheit, aber Konsum ist nicht gleich Krankheit und Krankheitszeichen brauchen Zeit zum sichtbar werden. Alkohol ist aber auch schon fast »out« -- andere Stoffe wie Medikamente und illegale Substanzen, besonders Kokain, haben längst alle Schichten und alle Etagen erreicht.
Eine Anmerkung zu »Drogenmissbrauch« und »Doping«: Leider gibt es insgesamt noch kein einheitliches Begriffsverständnis: Unter »Doping am Arbeitsplatz« wird in der DAK-Studie beispielsweise der Konsum verschreibungspflichtiger Arzneimittel aus den Kategorien Psycho- und Neuropharmaka verstanden -- der von gesunden Personen ohne medizinische Indikation zum Zweck der Leistungssteigerung betrieben wird. Das ist eine vernünftige Definition -- bis auf den Begriff »Leistungssteigerung«. Er sollte durch »Leistungsverfälschung« ersetzt werden. Unter »Drogenmissbrauch« wird gemeinhin etwas anderes verstanden: Der Konsum legaler oder illegaler Substanzen mit ganz unterschiedlichen Intentionen: Erzeugung von Euphorie beispielsweise, aber auch Steigerung von Kreativität und Leistungsfähigkeit und die Abschottung unangenehmer Empfindungen, die Erzeugung eines »Scheiß-egal-Gefühls« -- und jede Menge Kombinationen dieser genannten Wirkungen.

All diese gewünschten Wirkungen sind doch gerade auch für Manager »interessant«?
Karsten Strauss: Ausschlaggebend für den Griff zur Tablette ist nicht so sehr die Stellung in der Hierarchie eines Unternehmens, sondern entscheidend ist die Arbeitszufriedenheit - und natürlich auch die Lebenszufriedenheit. Es gibt Untersuchungen, die gerade Managern eine hohe Arbeitszufriedenheit attestieren und von daher eine eher geringere Stressbelastung. Diese Untersuchung über Manager-Zufriedenheit ist natürlich auch nur eine unter vielen. Und genau da liegt das Problem: Es scheint, dass es zu viele unterschiedliche Fragestellungen zum Konsumverhalten in Bezug auf psychotrope Substanzen gibt und die Ergebnisse deshalb kaum vergleichbar sind und vielfach schlicht Vorurteile gepflegt werden.

Auf den Seiten des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater finden sich aber Zahlen, dass allein auf Grund Alkoholgenusses jeweils rund die Hälfte der Führungskräfte abgestiegen sind oder ihren Job verloren haben.
Karsten Strauss: Das lässt sich bestätigen. In Bezug auf Alkohol allerdings besteht aber auch ein relativ hohes Verständnis und je nachdem, wie gut ein Manager vernetzt ist, wird sein Verhalten toleriert, sogar inklusive Angeboten zur Hilfe. Steht er allerdings in einem aktuellen Konkurrenzkampf, ist der Abstieg vorhersehbar.

Lässt sich sagen, dass Drogen die Arbeit auf zwei Ebenen beeinflussen: Zum einen das Verhältnis des Managers zu seinen »Untergebenen«, zum Anderen die Entscheidungsfindung zu unternehmerischen Aktivitäten?
Karsten Strauss: Stimmt, es sind mindestens die beiden genannten Ebenen. Generell ist die Gefahr gegeben, dass psychotrope Substanzen Wahrnehmung, Empfinden, Erleben, Reizverarbeitung, Informationsverarbeitung und Sichtweise verändern - kurzum: die Entscheidungs- und Beurteilungsfunktionen -- dafür sind sie ja schließlich entwickelt worden.

Trau keinem Manager unter Drogen? Hauptsache ist doch, das das Ergebnis stimmt?
Karsten Strauss: Der jährliche volkswirtschaftliche Verlust durch den Konsum psychotroper Substanzen in der Bundesrepublik wird auf bis zu 300 Mrd. EUR geschätzt. Frage: Sie möchten Ihr Wohnzimmer renovieren lassen. Würden Sie die Arbeiten einem Maler anvertrauen, den chemischer Einfluss zwingt, alles durch eine rosarote Brille zu sehen? Es sei noch einmal betont: Ob vom Arzt verschrieben oder »selbst besorgt«, die erbrachte Leistung ist eine »verfälschte«. Das lässt sich gut auch etwa an dem Beispiel von Soldaten zeigen, die - absichtlich unter Amphetamine gesetzt - eben verfälschte Entscheidungen treffen - so werden dann auch schon mal befreundete Truppen unter Beschuss genommen.

Wie steht es mit der Selbsteinschätzung? Kann man nicht von einem Manager eher einen offensiven Umgang mit dem Problem erwarten als von einem »normalen« Abhängigen? Schließlich erwartet man von ihnen ja auch sonst das »Anpacken«.
Karsten Strauss: Die in den letzten Jahren so favorisierten Eigenschaften wie »Tatkraft«, »Durchsetzungsfähigkeit« und »Zielstrebigkeit« sind in Bezug auf eine Abhängigkeitserkrankung mitunter eher hinderlich. Um in der Manager-Sprache zu bleiben: Krankheit ist keine beliebig disponierbare Ware, sondern Lebensschicksal. Zwar lässt sich Krankheit beispielsweise in Form von Zigaretten kaufen, aber nicht einfach wieder verkaufen, wenn wir sie nicht mehr haben wollen. Das kann für Menschen, denen oft zugeschrieben wird, sie könnten alles »in den Griff bekommen« eine bittere und schwer verdauliche Erfahrung sein, die sie noch weiter in die Sucht führen kann.

Wie lässt sich das »Problem lösen«? Welche Auswege hat ein Manager in der heutigen Arbeitswelt - ohne dabei einen erheblichen Reputations-Schaden befürchten zu müssen?
Karsten Strauss: Das kommt wieder ein wenig auf die konsumierten Substanzen an: Alkoholkrankheit ist als Erkrankung akzeptierter als Kokain- oder gar Heroinabhängigkeit beispielsweise. In jedem Fall gibt es aber Image-Probleme, unter anderem auch deshalb, weil über die Suchtkrankheit noch so immens viele falsche Vorstellungen im Umlauf sind -- »Du siehst doch, wohin das führt. Also hör' doch auf mit dem Mist ...«. Zudem ergeben sich Zeit-Probleme: stationäre Entzugsbehandlungen dauern mindestens zwei bis drei Wochen, Reha-Behandlungen noch länger. Doch die Rückfallquote liegt dabei zwischen 60 und 80 %. Manager und Führungskräfte sollten sich daher sehr genau und vor allem praxisrelevant für ihre spezielle Situation schlau machen über Sinn und Unsinn der Einnahme psychotroper Substanzen. Und wenn sie den Eindruck haben, dass sie an dem, was und wie sie etwas konsumieren, vielleicht etwas ändern sollten - dann sollten sie externen Rat und Hilfe suchen. Es gibt inzwischen effiziente Möglichkeiten der diskreten ambulanten Begleitung und Hilfe, wie sie zum Beispiel von uns angeboten wird: Es muss nicht zur Katastrophe kommen.


Über unseren Gesprächspartner: Karsten Strauß ist Arzt, Sozialpädagoge und Suchttherapeut und gehört dem Expertenteam des DAK-Gesundheitsreports 2009 an. Er gründete 1997 das Strauß & Partner Institut für Suchtmedizin. Er ist seit über 30 Jahren im Suchtbereich tätig, unter anderem als Leitender Arzt einer Fachklinik, als Dozent für verschiedene Weiterbildungsakademien und als Autor. Er führt zu dem Einzeltherapien durch. Kontakt: strauss@suchtmedizin.de
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