Mit der Einführung von IP-Lösungen für Hard- und Software in der Videoüberwachung stieg nicht nur deren Qualität, sondern auch die Vielfalt der möglichen Anwendungen. Kameras und Video-Management-Software sind nun nicht mehr nur Mittel, um Geschehnisse live oder später zu betrachten, sondern wertvolle Tools, die in vielfältiger Weise Daten auswerten und so dazu beitragen, Überwachungs- und Geschäftsprozesse in Unternehmen effizient zu gestalten. Die kommenden Entwicklungen werden neue Verwendungen von IP-Video generieren und dazu beitragen, die Effektivität und Wertschöpfung von Videoüberwachungsanlagen zu verbessern.
Von Harald Zander*, Wiesbaden
Der zurzeit stattfindende Übergang von der analogen zur digitalen Videoüberwachung ist nicht nur technisch ein Paradigmenwechsel, der die Videoüberwachung organisch in die gesamte Sicherheitsarchitektur integriert. Durch die Internet-Basierung der Protokolle wandelt sich auch der Markt zugunsten der Kunden. Die vorhandene Interaktionsfähigkeit aller Netzwerkkomponenten verlangt von den Herstellern offene Schnittstellen und transparente Konzepte. Proprietäre und damit auch teurere Lösungen haben in der IP-Welt im globalisierten Markt - wenn überhaupt - nur noch in kleinen Marktnischen Überlebenschancen. Der Kunde profitiert davon, wie auch die folgenden, von Milestone identifizierten Trends zeigen, in vielfältiger Weise.
Trend 1: Die Umstellung auf IP-Videoüberwachung schreitet fort
Die Marktforscher von IMS Research gehen in einem im Juli 2011 veröffentlichten Report davon aus, dass ab 2014 mehr als die Hälfte des Umsatzes im Videoüberwachungsmarkt auf digitale Netzwerklösungen entfallen werde. Das wachsende Angebot von High Definition (HD)-Netzwerk-Kameras und die zunehmende Verbreitung von offenen Standards werden dazu beitragen, dass sich die Migration in Richtung Netzwerk-Videoüberwachung anschließend noch beschleunigen wird. Für IP-Lösungen spricht insbesondere deren Flexibilität. Überall, wo ein Netzwerkanschluss - drahtgebunden oder wireless - vorhanden ist, können Kameras, Speicher-Server oder andere Komponenten angeschlossen werden, in beliebiger Zahl, beliebig kaskadierbar und auch ohne proprietäre Hardware. Längst ist es kein Problem mehr, dass Kunden auch vorhandene analoge Videoüberwachung in die neue IP-Lösung einbinden. Ein besonders wichtiger Treiber für die zukünftige Entwicklung ist, dass Kameras mobil, von beliebigen Standorten gesteuert und Bilder abgerufen werden können. Schon jetzt ist im Markt spürbar, dass die Einbindung von Smartphones bei der Nutzung der Videodaten eine wichtige Anforderung der Kunden ist.
Trend 2: Die Zahl der Experten für IP-Videoüberwachung wächst
In den Anfangsjahren der IP-Kameras hemmten fehlende IT-Expertise bei Video-Errichtern und die gering ausgeprägte Video-Kompetenz bei internen und externen IT-Netzwerk-Spezialisten den Markt. Inzwischen ist dieses Problem entschärft. Es ist für Kunden mittlerweile relativ einfach, qualifizierte Anbieter zu finden. Gebremst wird die Entwicklung hin zu IP-Lösungen derzeit am ehesten noch durch Vorbehalte bei Architekten und Technikplanern, bei denen die Vorzüge der IP-basierten Videoüberwachung oft noch nicht in ausreichendem Maße erkannt wurden.
Trend 3: Bessere Bild-Qualität zu einem wettbewerbsfähigen Preis
Selbst einfache digitale Kamera-Lösungen sind analogen Kameras bei der Bildauflösung deutlich überlegen. Statt 0,3 Megapixel bei PAL-Auflösung schaffen schon einfache Low-Cost-IP-Kameras 0,7 Megapixel. Und auch, die 1,3 Megapixel-Kameras, die HD-Qualität liefern, werden immer günstiger. Offene Standards, etwa ONVIF und PSIA, erlauben es dabei, auch preisgünstige Fernostkameras ohne Zusatzkomponenten in komplexe IP-Videomanagementsysteme einzubinden. Viele IP-Kameras bieten als zusätzliches Feature auch eine Zwei-Wege-Audio-Kommunikation an, wichtig etwa bei Türstationen oder auch wenn zusätzlich eine Service- oder Sicherheitsfunktion erwünscht ist, etwa in SB-Bereichen. Die Entwicklung der Kompressionsformate hat mit dieser Entwicklung Schritt gehalten. Insbesondere H.264 hat dazu beigetragen, dass gestochen scharfe HD-Bilder bei reduzierter Bandbreite und geringerem Speicherbedarf eigentlich überall genutzt werden können.
Trend 4: Die Weiterentwicklung der Videoanalyse
Auch wenn noch nicht alle Erwartungen an die Videoanlayse erfüllt wurden, die bereits heute angebotenen Algorithmen tragen dazu bei, den Personalaufwand, der ansonsten bei Live-Bild-Überwachung erforderlich wäre, deutlich zu senken. Bewegungserkennung in definierten Bereichen, das Zählen von Menschen, Kennzeichenerkennung oder Erkennung von zurückgelassenen Objekten sind längst etablierte Lösungen. Vorteilhaft bei der Live-Überwachung ist es insbesondere, wenn bereits in der Kamera leistungsfähige und für den Kunden anpassbare Analyse-Algorithmen enthalten sind. Nicht relevante Bilddaten müssen dann weder übertragen noch irgendwo anders zur Analyse zwischengespeichert werden. Komplexere Bildbewertungen, etwa der Abgleich mit gespeicherten Daten, oder Mehrkriteriensuchen in gespeicherten Aufzeichnungen werden aber auch in Zukunft noch kameraferne PC-Lösungen benötigen. Absehbar ist, dass die Videoanalyse sich weiter entwickeln wird, dass immer mehr Informationen aus dem Bild die Überwachungs- und Geschäftsprozesse positiv beeinflussen können. Wichtig ist deshalb auch, dass die eingesetzte Videomanagement-Software sowohl die kameraseitige wie auch die PC-gestützte Bildanalyse integrieren kann und auch für künftige Analyse-Techniken offen ist.
Trend 5: Offene Plattformen statt proprietärer Systeme
Eine offene Plattform ist ein Software-System mit veröffentlichten externen Application Programming Interfaces (APIs). Wichtig zu wissen ist dabei, dass auch IP-Produkte nicht immer problemlos zusammenarbeiten. Eine im Markt etablierte offene Videomanagementplattform führt dagegen dazu, dass Hersteller kompatible Produkte entwickeln, mit denen die IP-Videoüberwachung um zusätzliche Funktionalitäten erweitert werden kann. Entsprechend ermöglichen offene Standards auch, dass der Kunde bei Hardware-Investitionen zwischen einer Vielzahl von untereinander im Wettbewerb stehenden Anbietern wählen kann und auch für die Zukunft nicht an ein bestimmtes Produkt gebunden ist. Wichtig sind beide Aspekte für die Kunden sowohl hinsichtlich des Investitionsschutzes als auch für die Skalierung oder für Aufgaben-Erweiterungen eines Videoüberwachungssystems.
Trend 6: Die Benutzeroberfläche wird wichtiger
Videomanagementsoftware ist das Fenster des Video-Überwachungssystems und weiterer damit verbundener Sicherheitsfunktionen. Es ist die Komponente, die den Zugriff auf alle darin verfügbaren Informationen steuert. Mit der Leistungsfähigkeit der Systeme wird auch die Managementsoftware komplexer, die Anforderungen an die Benutzerfreundlichkeit steigen daher. Notwendig sind somit unter anderem rollenspezifische Benutzeroberflächen, intuitive Steuerungsmöglichkeiten, gleichzeitige Darstellung mehrerer Live-Kamerabilder mit Steuerungsoptionen und der Wiedergabe von gespeicherten Streams, leistungsfähige Suchfunktionen in gespeicherten Bildern, umfangreiche Export- und Alarmierungsfunktionen, Mehrplatz-Lösungen und automatische Geräteerkennung bei Integration weitere Video- oder Kommunikationskomponenten.
Trend 7: Integration weiterer Sicherheitsfunktionen
IP-Videoüberwachungssysteme werden künftig vermehrt mit anderen Sicherheitssystemen interagieren, nicht nur mit anderen Videokameras, auch mit Türsystemen, mit der Zutrittskontrolle und mit der Gefahrenmeldetechnik. Basis sind auch hier wieder offene Plattformen mit umfangreichen APIs und gut dokumentierten Software Development Kits. Die Interaktion kann im Ethernet stattfinden oder direkt über digitale I/O Schnittstellen, über die entweder die Kamera einen Prozess anstößt oder selbst Teil eines Überwachungs-Workflows wird. Die Möglichkeiten sind umfassend. So lässt sich beispielsweise im Handel die Bildspeicherung in Abhängigkeit von Kassentransaktionen steuern - beispielsweise könnte eine Stornierung eine Bildaufzeichnung auslösen, die aus dem Voralarmringspeicher weitere sechs Sekunden Aufzeichnung miteinbezieht.
Trend 8: Realisierung des Return-of-Investments
IP-Videoüberwachung liefert durch die einfache Kombination mit anderen Netzwerk-Komponenten die Basis für eine umfassende Prozesskontrolle. Sie dient nicht nur der Dokumentation und Meldung von Security-Vorfällen, auch die Einhaltung von Arbeitsschutz- und Hygiene-Vorgaben, die Produktionsprozesse, die Service-Qualität oder das Kundenverhalten können automatisiert überwacht und analysiert werden. Verbesserte Datamining-Konzepte werden dazu beitragen, dass mit Hilfe der aufgenommenen Bilder Muster, Beziehungen und Trends ermittelt werden, die zur Verbesserung und Optimierung in Vertrieb, Marketing, Kundenservice oder Supply-Chain beitragen.
Trend 9: IP-Videoüberwachung und die Wolke
Eine der aktuell wichtigsten Entwicklungen der IT-Branche ist das Cloud-Computing. Der Kosten- und Handlingvorteil, der entsteht, wenn die komplette Infrastruktur für Datenhaltung und Verarbeitung an externe Provider ausgelagert wird, kann erheblich sein. Da Cloud-Services meist volumenabhängig bezahlt werden, hängt die Vorteilhaftigkeit bei der Videoüberwachung wesentlich von der Datenmenge ab, die in der Cloud genutzt werden soll. Bei umfassenden Videolösungen mit hohem Speicherbedarf und häufiger Nutzung großer Datenmengen ist die Cloud daher im Moment wohl noch nicht wirtschaftlich.
Trend 10: Senkung der Speicherkosten und Erhöhung der Zuverlässigkeit
Mit der digitalen Videoüberwachung wurde Bildarchivierung wesentlich kostengünstiger. Es sind sehr viel weniger Aufzeichnungsgeräte und damit auch weniger Platz erforderlich, um den Input aus den Kameras aufzuzeichnen und aufzubewahren. Auch die Speicherkosten gehen seit Jahren nach unten. Die niedrigeren Kosten können wiederum zur Erhöhung der Sicherheit beitragen, denn Redundanz bei der Speicherung lässt sich inzwischen mit vergleichsweise geringem Aufwand herstellen. Die Zukunft gehört wohl den schnellen SD-Speichern, die inzwischen MTBF-Zeiten von 228 Jahren erreichen. Da sie zudem sehr wenig Strom benötigen, sind sie auch ideal für den Einsatz in den Kameras. Solange die SD-Speicher noch relativ teuer sind, werden sie wohl vor allem bei der (Erst-)Aufzeichnung von Live-Bildern eingesetzt werden, für die Langzeitarchivierung bieten sich vorerst noch die kostengünstigen SATA-Laufwerke an.
Über unseren Autor:
Harald Zander ist Country Manager DACH der Milestone Systems A/S, die mit über 100.000 Installationen der Software XProtect weltweit als führender Anbieter von geräteunabhängiger Videomanagementsoftware gilt. Das Unternehmen ist 2010 stark gewachsen und erzielte mit 29,2 Mio. EUR Jahresumsatz ein Plus von 56%. Im Mai eröffnete Milestone in Wiesbaden ein Büro für die Betreuung des deutschsprachigen Marktes. Kontakt zum Autor: hza@milestonesys.com